Zwei zentrale Märchen über die heutige Landwirtschaft

Im Folgenden werden zwei miteinander zusammenhängende, grundlegende Fehlurteile über die heutige Landwirtschaft erörtert.

  1. Fleisch aus ökologischer (mehr artgerechter) Haltung ist teurer, weil die Erzeugung aufwändiger und damit der Preis höher sei. Die Haltung der landwirtschaftlichen Nutztiere, also vor allem von Rindern, Schweinen und Geflügel ist in der Diskussion, und das zu Recht. Mastschweine werden in der Masse zusammengedrängt in engen Boxen auf Spaltenboden gehalten, Zuchtsauen zeitweise zwischen so engen Gittern, daß sie sich nicht einmal umdrehen können. Die Diskussion um artgerechte Hühner- und Hähnchenhaltung ist in Deutschland mittlerweile mehrere Jahrzehnte alt; die Haltung von Milchkühen in großen Beständen entwickelt sich  hin zu Haltungssystemen, bei denen die Tiere nicht mehr auf die Weide kommen. Unstrittig bietet der ökologische Landbau für die meisten Haltungssysteme eine eher artgerechte Tierhaltung mit Auslauf für die Tiere, mehr Platz für die Tiere und einer Haltung auf Stroh statt auf Beton. Dies gilt nicht allein für den ökologischen Landbau, es gibt auch konventionelle, artgerechte Haltungssysteme, wie das von Neuland. Lässt sich nun der deutlich höhere Preis an der Ladentheke für Fleisch aus artgerechter Haltung (die Bezeichnung „Tierwohl“ der Agrarlobby ist ein Begriff ohne Sinngehalt) auf die höheren Erzeugerpreise in der Landwirtschaft zurückführen? Wir vergleichen dazu Produkte vom Rind und Schwein aus ökologischer und konventioneller Erzeugung. Der Landwirt erhält einen Öko-Aufschlag für Rinder von ca. 0,50 € /kg Schlachtkörper-gewicht. Das aber bedeutet, daß bei gleich hoher Handelsspanne und Verarbeitungskosten Öko-Rindfleisch um im Mittel 5 Cent je 100 g Rindfleisch teurer sein dürfte. Tatsächlich beträgt die Differenz je nach Produkt zwischen 8 €/kg und mehr als 30 €/kg. Der Öko Erzeuger erhält also vom Aufpreis an der Theke nur zwischen 1,5 und 6 %. Dies gilt aber nicht nur für den Öko- Zuschlag. In anderen Bereichen ist es ähnlich ist. Es gilt für Nahrungsmittel der Landwirtschaft, ob konventionell oder ökologisch: der Landwirt ist nur noch Rohstofflieferant und erhält in vielen Fällen weniger als 10%, häufig auch weniger als 5% des Verkaufspreises der Nahrungsmittel. Der Preis eines Brötchens beträgt z.B. 30 Cent, der Landwirt erhält für das verbackene Getreide weniger als 1 Cent. Den größten Teil erhalten Verarbeiter und vor allem der Handel. Der Macht des Handels könnten die landwirtschaftlichen Betriebe mit Erzeugervereinigungen begegnen. Um aber der hohen Machtkonzentration des Handels etwas entgegenzusetzen, müssten Landwirte sehr große Erzeugervereinigungen bilden. Zwei Akteure arbeiten konzertiert dagegen. Die Agrarpolitik bedient die Interessen der verarbeitenden Nahrungsmittelindustrie, die allein an billigen Rohstoffen interessiert ist. Die größte Agrarlobbyorganisation, der Deutsche Bauernverband, zeigt wenig Interesse höhere Rohstoffpreise gegen die Nahrungsmittelindustrie durchzusetzen. Für den einzelnen Bauernhof bleiben angesichts dieser Macht- und Lobbykonstellation vor allem zwei Alternativen. Zum einen kann sich der Hof auf eine Produktion konzentrieren, für die er ein Alleinstellungsmerkmal hat. Diese Möglichkeit, welche sicher begrenzt ist, repräsentiert beispielsweise ein Weinbauer mit einer gut eingeführten Marke. Zum anderen kann der Betrieb den Weg der Direktvermarktung wählen, in Zusammenhang mit der Verarbeitung der eigenen Rohstoffe. Der geringfügig höhere Rohstoffpreis insbesondere für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung erklärt nicht die hohe Differenz zwischen konventionellem und ökologisch erzeugtem Fleisch an der Ladentheke.
  2. Ein Bauer ernährt heute (je nach Quelle) 120 – 160 Verbraucher, während das Verhältnis nach dem zweiten Weltkrieg bei 1: 10 lag.
    Auch diese Aussage ist so eindrücklich wie falsch. Der Verbraucher isst nicht das Getreidekorn direkt, er konsumiert auch nicht das lebende Schwein, sondern dazwischen arbeiten beispielsweise Müller und Bäcker, Schlachter und Metzger. Die Situation heute weicht von der von 1950 deswegen ab, weil damals wenige Verarbeitungs- und Handelsstufen zwischengeschaltet waren. Heute kommen zu den vielen Verarbeitungsstufen, z.T. mit großen Transportwegen noch ausuferndes Marketing, Imagekampagnen, immer weitgehender Verarbeitung, schönfärberisch und irreführend als „Veredelung“ bezeichnet, nicht zuletzt ausufernde Zertifizierungs- und Qualitätssicherungssysteme. All die an diesem Prozess Beteiligten sorgen für die heutige Nahrungsproduktion. Es kann vermutet werden, daß heute der Anteil der Arbeit im Nahrungsmittelsektor nicht geringer ist, als vor 70 Jahren. Statt Bauern und Müller gibt es heute z.B. QS-Zertifizierer, Produktentwickler, LKW-Fahrer für Nahrungsmittel, Werbefachleute für Nahrungsmittel usw….Der Anteil der Beschäftigten an der Nahrungsmittelkette hat sich in den letzten 70 Jahren vermutlich wenig verändert.

    Beide Fehlurteile hängen miteinander zusammen und werden nicht zufällig verbreitet; sie stützen eine agrarindustrielle Wirtschaftsweise.

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