Ist der Preis für Lebensmittel zu niedrig?

Vertreter fast aller Parteien in Deutschland fordern nach den großen Traktordemonstrationen der Landwirte höhere Lebensmittelpreise und tun dabei so, als ob es ihnen um die Erhöhung der landwirtschaftlichen Erzeugerpreise ginge. Aber sie tun nur so!

Das eine, die Lebensmittelpreise im Lebensmitteleinzelhandel, haben mit dem anderen, nämlich den Preisen für die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise wenig zu tun.

Dazu benötigt man kein ausgeprägtes Fachwissen, es genügt die Kenntnis, daß vom Endpreis für Nahrungsmittel im Lebensmitteleinzelhandel kaum noch 20 Prozent an die landwirtschaftlichen Erzeuger geht.

Trotzdem formulieren verschiedene Politiker Forderungen nach der Verteuerung von Lebensmitteln, Ministerin Klöckner (CDU) bezeichnet laut Tagesspiegel einen Preis von 20 Cent für einen Hähnchenschenkel als „unanständig“, Kretschmann (Grüne) fordert laut Top Agrar, daß Lebensmittel ihren Preis haben sollen und Weil (SPD) und der Ex- Landwirtschaftsminister von Schleswig Holstein, Habeck (Grüne) fordern ebenfalls höhere Lebensmittelpreise. Zudem plädiert Habeck laut Berliner Zeitung für einen Tierschutzcent.

Wenn aber von jedem Euro, der für Nahrungsmittel ausgegeben wird, ca. 80 Prozent bei den Verarbeitern und vor allem beim Lebensmitteleinzelhandel verbleibt, so müssten die höhere Lebensmittelpreise fordernden Politiker im gleichen Satz erklären, wie die höheren Lebensmittelpreise zwischen Erzeuger, Verarbeiter und Handel verteilt werden sollten, wer dies bestimmt und wer dies überwacht. Die Politiker müssten sich dabei dafür rechtfertigen, warum verursacht durch alle verantwortlichen Parteien der letzten Jahrzehnte  die Macht des mittlerweile oligopolistisch strukturierten Lebensmitteleinzelhandels dazu führt, daß die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise auf einem langfristig niedrigen Niveau liegen.

So aber sind die Forderungen zu höheren landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen wohlfeil, nicht ernst gemeint und führen die politische Öffentlichkeit in die Irre. Kritisches Nachfragen zu diesen politischen Forderungen beispielsweise von Klöckner, Habeck, Weil oder Kretschmann findet man in FAZ, ARD, ZDF, DLF, Zeit, SZ und Spiegel fast nicht.

Schaut man sich die Themenschwerpunkte der Bund-Länder- Agrarministerkonferenzen  etwa der letzten zehn Jahre an, so ist die Oligopolisierung  des Lebensmitteleinzelhandels trotz dessen großer Marktmacht gegenüber den vereinzelten landwirtschaftlichen Betrieben für die Agrarminister kaum ein Thema.

Aber die Verwirrung im politischen Diskurs zu dem Thema der Lebensmittelpreise ist noch etwas ausgeprägter.

Ausgangspunkt der Diskussion war die Vorstellung, daß man mit höheren Fleischpreisen eine Tierhaltung mit mehr „Tierwohl“ fördern würde.

Zum einen ist der Begriff „Tierwohl“ weitgehend unverbindlich; wenn überhaupt geht es um artgerechte Tierhaltung! Zum anderen wird in der Diskussion völlig ignoriert, wer an Produkten aus einer artgerechten Tierhaltung verdient.

Dazu ist ein Vergleich der konventionellen Rindermast mit einer mehr artgerechten ökologischen Rinderhaltung aufschlußreich. Der Öko- Aufschlag je kg Schlachtkörpergewicht gegenüber konventionellem Fleisch beträgt bei Rindern seit Jahren nahezu konstant 50 Cent.

Der Unterschied im Verkaufspreis zwischen ökologischem und konventionellen Rindfleisch oder beispielsweise Rinderwurst liegt aber zwischen 10 und mehr als 30 €/kg. Von diesem Mehrpreis erhält also der Landwirt zwischen 1 und 5%, während der Lebensmitteleinzelhandel Aufschläge in Einzelfällen bis über 300% realisiert!

Die Fehlentwicklungen in der Preisbildung werden durch die EU- Agrarbeihilfen noch verstärkt, weil die Subventionen die landwirtschaftliche Produktion auch unter unrentablen Bedingungen noch stützen, damit das Angebot tendenziell erhöhen und die Position der landwirtschaftlichen Erzeuger gegenüber Verarbeitern und Handel eher schwächen. Die Lobbyarbeit der Nahrungsmittelindustrie und des Lebensmitteleinzelhandels wird es auch aktuell zu „verdanken“ sein, daß die EU-Agrarbeihilfen über 2021 hinaus weiter bestehen, die Lobbyarbeit des Deutschen Bauernverbandes spielt vermutlich kaum noch eine Rolle. Schließlich wurden die großen Treckerdemonstrationen 2019 am Deutschen Bauernverband vorbei organisiert.

Die EU-Agrarsubventionen sollten aber sinnvollerweise nach einer Übergangszeit gestrichen werden. Dies ist im Interesse der Erzeuger. Und für einen solchen Übergang sind kleinere Betriebe mit abgeschriebenen Maschinen und vor allem Familienarbeitskräften am besten gerüstet und nicht die großen, industrialisierten, kapitalintensiven Betriebe.

Die für viele landwirtschaftliche Betriebe existentiell niedrigen Erzeugerpreise könnten in Zukunft dazu führen, daß der Selbstversorgungsgrad an Nahrungsmitteln in Deutschland dramatisch abnimmt. Im Bereich der Milchproduktion ist dies eine Entwicklung, die mittlerweile auch Vertreter der Milchindustrie befürchten.

Die politischen Sprechblasen von „fairen Lebensmittelpreisen“ lenken nur von den politisch organisierten Fehlentwicklungen  durch genau die Politiker ab, die diese Sprechblasen produzieren.

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