Nur ein Brand in einer Sauenanlage? Der Brand in Alt Tellin in Vorpommern und die Folgen!

In Alt Tellin, Mecklenburg-Vorpommern (M-V) stand bis Ende März 2021 die größte Schweinezuchtanlage Deutschlands mit rund 10.000 Zuchtsauen. Die Schweinezuchtanlge ist am 30.03.2021 abgebrannt, wobei fast 60.000 Sauen und Ferkel umkamen. Viele der Sauen starben, weil sie in kleinen Kastenständen eigesperrt waren und keine Chance hatten, den Flammen zu entkommen.

Erst im Juli 2020 hat die CDU/CSU/SPD- Bundesregierung die Haltung von Sauen in Kastenständen für weitere 15 Jahre erlaubt. Im Bundesrat haben auch diejenigen Bundesländer mit Grüner Regierungsbeteiligung dieser Verlängerung zugestimmt.  Diese Parteien sind also mit dafür verantwortlich, daß in Alt Tellin so viele Schweine umkamen. Was aber jetzt, nach dem Brand, über die Hintergründe dieses Ereignisses gerade in den regionalen Medien berichtet wird, kann nur noch als Verteidigung der SPD-geführten Landesregierung bezeichnet werden. Gegen die Genehmigung der Sauenanlage in Alt Tellin aus dem Jahr 2010 hatten der BUND und eine regionale Bürgerinitiative im Jahr 2012 geklagt (Nordkurier v. 5.3. 2020). Das Verfahren ist bis heute, neun Jahre nach Klageeinreichung noch nicht abgeschlossen!  Klagepunkte sind Umwelt- und Tierschutzaspekte, aber eben auch der Brandschutz. Dabei wurde schon frühzeitig auf die Tatsache hingewiesen, daß im Brandfall die in Kastenständen eingesperrten Sauen nicht vor dem Feuer fliehen können.

Warum gibt es in diesem Verfahren nach neun Jahren noch kein Urteil? Der jetzige Brand hat ja mindestens in Bezug auf den Brandschutz die Triftigkeit der Klage unter Beweis gestellt. Warum wurde das Verfahren weder durch die Kläger, noch durch das Gericht beschleunigt?  Und schließlich liegt die Frage nahe, ob es Einflussnahme durch die Landesregierung auf das Gericht gab, beispielsweise das Verfahren zu verzögern?

Eine weitere Frage ist: Wer wird jetzt zur Verantwortung gezogen?  Schließlich hätte bei Vorliegen eines sachgerechten Urteils oder sogar bei Nichtgenehmigung der Anlage das Verbrennen von fast 60.000 Schweinen vermieden werden können.

Von diesen drängenden Fragen erfährt man fast nichts in den regionalen Medien, vom NDR in Schwerin über die Ostseezeitung bis zur Schweriner Volkszeitung.  Stattdessen gibt es in den SPD- dominierten Medien, dem NDR und der Ostseezeitung  nur „wichtig, wichtig“- Fragen nach der Brandursache. Die Ostseezeitung hat es in der dem Brand nachfolgenden Wochenendausgabe, der Osterausgabe geschafft, über dieses für M-V so wichtige Ereignis eine kleine Spalte unter ferner liefen  zu plazieren.

Und im NDR wird der seit fast 23 Jahren amtierende Landesagrarminister Backhaus damit zitiert, daß er schon immer gegen solche Anlagen gewesen sei. Der NDR müsste nur in seinem eigenen Archiv suche, um festzustellen, daß das Zitat von Backhaus falsch ist. Backhaus hat als Landwirtschaftsminister mit allen Mitteln genau diese Schweinemast- und Zuchtstruktur gefördert, von der er vermeintlich jetzt nichts mehr wissen will.

Der Brand in Alt Tellin hat darüber hinaus eine umfassende agrarstrukturelle Bedeutung für M-V.

Der jetzige Landwirtschaftsminister Backhaus (SPD) ist zusammen mit drei SPD-Ministerpräsidenten verantwortlich für die Agrarstrukturentwicklung in M-V. Erklärtes Ziel der SPD- geführten Landesregierungen in diesem Land war von Anfang an, die Tierhaltung zu fördern, vor allem die Schweinehaltung. Dabei hat sich die Landesregierung auf die Förderung von Schweinemast- und Zucht in industriellen Großbetrieben konzentriert. Artgerechte Tierhaltung in kleineren Beständen auf Stroh wurde nicht oder nur geringfügig gefördert. Der Bau der Zuchtanlage in Alt Tellin, der ohne Unterstützung der Landesregierung nicht möglich gewesen wäre, stellte eine zentrale Säule der Förderung der Schweinehaltung dar. Alt Tellin lieferte die Ferkel zur Weitermast in anderen Großanlagen in M-V.

Das Konzept der Landesregierung zur Schweinehaltung wurde schon dadurch in Frage gestellt, daß es in M-V keinen größeren Schlachthof mehr gibt, der Schweine schlachtet. Der weite Transport der Mastschweine zur Schlachtung über die Landesgrenzen hinaus  beeinträchtigt die Rentabilität der Schweinehaltung in M-V.

Mit dem Brand in Alt Tellin fehlen den Mastbetrieben im Land nun die Ferkel zur Mast. Diese müssen nur teuer in das Land transportiert werden. Das ganze Konzept der industriellen Großbetriebsschweinehaltung steht nun im Land vor dem Kollaps.

Die Lehre daraus müsste sein: Eine Politik, die das Risiko in der Landwirtschaft nicht breit streut, die also nicht eine breite Eigentumsstreuung, eine Produktion durch viele Betrieben und Höfe mit mehreren Standbeinen fördert, auf diese Politik kommen langfristig solche Katastrophen zu.

Im gegenwärtigen Fall werden die Engpässe der Schweinezucht durch eine breite Gruppe mittlerer Betriebe in Westdeutschland vermutlich aufgefangen.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *