Was ist bäuerliche Landwirtschaft? Eine Kurzgeschichte von Matthias Stührwoldt gibt darüber Auskunft

Nachhaltige Landwirtschaft ist vor allem im Familienbetrieb möglich. Die bewirtschaftende Generation ist zweifach verpflichtet: Zum einen der vorangegangenen Generation, welche ihr den Hof übergeben hat und zum anderen der nachfolgenden Generation, für die der Hof zu bewahren und zu pflegen ist.

Der Autor der Kurzgeschichte, Stührwoldt ist selbst Bauer und bewirtschaftet einen Milchviehbetrieb in Schleswig- Holstein. Seine Kurzgeschichte Welger AP 630 (nachzulesen im Archiv bauernstimme.de, Ausgabe 9/2020, S. 19) beschreibt, was bäuerliche Landwirtschaft ausmacht.

Die Eltern von Matthias Stührwoldt hatten, so beginnt die Geschichte, 1984 ein gutes Jahr. Im Frühjahr 1985 kaufte der Vater dann einen neuen Schlepper-Fendt Favorit 611 und eine neue Ballenpresse, eine Welger AP 630 mit Ballenschleuder. Bezahlt wurde damals in bar, kein Kredit, kein Leasing. Stührwoldt wörtlich: „Vadder hat immer in bar bezahlt, so auch 1985“. Das bedeutete keine Kredite, kein Kapitaldienst aber Unabhängigkeit.

Die Hochdruckballenpresse AP 630 presst relativ kleine Ballen, von vielleicht 20-30 kg Gewicht, im Gegensatz zu den heute weit verbreiteten Großballenpressen. Der Vorteil der kleineren Ballen besteht darin, diese leichter handhabbar sind und daß sie auch in ältere Gebäude eingelagert werden können. Die neue Presse stellte eine Erleichterung deswegen dar, weil die Presse mit einer angebauten Ballenschleuder ausgerüstet ist, die die Ballen auf den angehängten Wagen schleudert,  sodaß eine weitere Person zum Stapeln auf dem Wagen überflüssig wird.

Stührwoldt beschreibt weiter: „ Vadder war ein absoluter Profi, was den Umgang mit dem Fendt und der Welger anging…. Er hatte es drauf, die Ballen zielgerichtet auf dem Anhänger zu platzieren…. Solange Vadder irgendwie auf den Trecker raufkam, hat er das Pressen übernommen. Bis er 75 war. Beim letzten Heufahren war er abends so steif, daß er nicht mehr vom Trecker runterkam. Zu viert mussten wir ihn runterheben.

Im bäuerlichen Betrieb hört der ehemalige Leiter nicht unbedingt mit 65 Jahren auf, er arbeitet nach seinem Willen und seinen Möglichkeiten weiter. Damit wird der Generationenübergang verträglicher und der nachfolgenden Generation die Übernahme erleichtert. Ein wesentlicher Aspekt ist die Kompetenzvermittlung zwischen den Generationen. Auch das behandelt die Kurzgeschichte. Nachdem Stührwoldt auch das Pressen übernommen hatte, war die Ballenpresse im Jahr 2019 defekt, ca. 30 Prozent der Ballen waren lose, weil der Knotenknüpfer offenbar nicht mehr richtig funktionierte. Der Knoter ist eine Entwicklung, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammt und zuerst für Mähbinder entwickelt wurde. Dabei wurde bei der Getreideernte das Getreide abgemäht und auf dem Mähbinder mittels Strohband in Garben gebunden, die nach der Trocknung auf dem Felde eingelagert und separat gedroschen wurden. Dieser Knüpfer wurde für die Heu- und Strohpressen übernommen und wird auch noch heute weitgehend so gebaut.

Als nun dann, im Jahr 2019, auf einmal die Ballen nicht mehr richtig gebunden wurden, erinnerte sich Stührwoldt der Worte seines Vaters bei der Einweisung in die Presse: „ Bien Knoter mutt dat sauber ween. Dat Kaff mutt rut; av und to muttst du dat frie pusten, mit dem Kompressor.“ Und nachdem er sich daran erinnert hatte und den Knoter mit Druckluft gereinigt hatte – in Stührwoldts Worten: „ Nicht ein einziger loser Ballen. Die Welger schnurrte wie ein Kätzchen und ein Ballen nach dem anderen flog durch die flirrende Hitze auf den Anhänger.

Fünfunddreißig Jahre nach dem Kauf der Presse und des Schleppers funktionieren beide immer noch vollständig. Auf den Bauernhöfen wurden und werden die Maschinen gepflegt und zusätzlich kommt ganz selbstverständlich die Kompetenz der verschiedenen Generationen dem Funktionieren zugute, gerade dann wenn Maschinen über die Generationen hinweg eingesetzt werden. Während heute universitäre Agrarökonomieprofessoren mit Abschreibungen von Neumaschinen von 5-10 Jahren rechnen – die Ökonomen kennen offenbar keine bäuerliche Landwirtschaft – ist bäuerliche Landwirtschaft auch technisch eher nachhaltig. Und auch ökonomisch verbessert die lange Nutzung von Maschinen die Nachhaltigkeit und erhöht die finanzielle Rentabilität und Unabhängigkeit. Dies alles zur bäuerlichen Landwirtschaft  ist in der Stührwoldtschen Kurzgeschichte enthalten.

 

 

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