Verbot der Verbrennung fossiler Energien: Bundesregierung geht es nicht um die Reduktion der Emission klimarelevanter Spurengase!

Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, den Ausstoß klimarelevanter Gase in Deutschland zu reduzieren.

In der Betrachtung beschränken wir uns auf die drei wichtigsten Spurengase: Kohlendioxid, Lachgas und Methan. Der Anteil von Kohlendioxid liegt bei knapp 90%. Die Bundesregierung hat daraus den Schluss gezogen, den Einsatz von Kohle in Kraftwerken bis 2035 zu beenden; die EU will ebenfalls bis 2035 die Produktion von PKW mit Verbrennungsmotor verbieten. Diese weitreichenden politischen Entscheidungen beruhen auf der Vorstellung, daß der Verzicht auf fossile Energieträger das zentrale Instrument für die Reduktion der Emission von klimarelevanten Spurengasen ist. Dies ist jedoch naturwissenschaftlich nicht belegt. In den Böden ist in Form von organischem Kohlenstoff mehr Kohlenstoff gespeichert, als in der Vegetation und in der Atmosphäre zusammen  (Swift, 2001; Weber et al., 2018). Und das hat Konsequenzen für die Kohlendioxidemissionen. Die Emission spurenrelevanter Klimagase aus Böden ist um den Faktor 10 höher, als die Emissionen aufgrund der Verbrennung fossiler Energieträger (Hayes et al., 2001; Oertel et al., 2016; Yang et al., 2021). Der Übersichtsartikel von Oertel et al. (2016)  quantifiziert die Freisetzung dieser klimarelevanten Spurengase aus den Böden weltweit auf einen Wert von größer als 350 * 1012kg CO2– Äquivalente jährlich, während 33,5 * 1012 kg CO2 durch die Verbrennung fossiler Energien (Kohle Erdöl, Erdgas) weltweit in die Luft emittiert werden. Und zusätzlich haben Oertel et al (2016) gezeigt, daß diese Emission zu einem erheblichen Teil auf eine industrialisierte landwirtschaftliche Bodenbewirtschaftung zurückzuführen sind. Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft verändern den Nettoumsatz der organischen Bodensubstanz, damit auch die Kohlendioxid-Freisetzung. Das erhöhte Stickstoffdüngungsniveau intensiver Landbewirtschaftung fördert einerseits die Lachgasemission, andererseits reduziert es die Bindung von Methan in Böden, fördert also auch die Netto-Methanemissionen.

Was nun haben die verschiedenen Bundesregierungen in den letzten zwanzig Jahren getan, um eine substantielle Emissionsverminderung von Kohlendioxid, Lachgas und Methan aus heimischen Böden in die Wege zu leiten? Im Wesentlichen beschränkt sich dies auf einen kürzlich veröffentlichten Zustandsbericht zum C-Gehalt landwirtschaftlicher Böden in Deutschland – und zwar durch das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellte Thünen-Institut in Braunschweig. Potentiale der erhöhten C-Speicherung von Böden werden dort nur am Rande beschrieben. Die wichtigsten Instrumente, die kaum mit einer industriellen Landwirtschaft kompatibel sind, werden im Thünen-Bericht ignoriert (s. dazu Gerke, 2021). Dabei sind diese seit Jahrzehnten in der landwirtschaftlichen Forschung und Lehre in West und Ost bekannt (Klapp, 1967; Könnecke, 1967).

Wir sehen uns also mit folgender Situation konfrontiert: Die Reduktion der Emission von klimarelevanten Spurengasen wird seit zwanzig Jahren von den verschiedenen Bundesregierungen als zentrales Handlungsfeld angesehen. Für jedes Molekül Kohlendioxid, das durch die Verbrennung fossiler Energien emittiert wird, werden gleichzeitig 11 Moleküle Kohlendioxid aus dem Boden freigesetzt. Für die weniger als 10% der Emissionen gibt es seit mehr als zwanzig Jahren intensive Forschungsförderung zu Energiealternativen und zu Vermeidungsstrategien. Zum Gehalt an organischer Substanz in Böden hat 2018 ein staatliches, abhängiges Institut erstmals einen Zustandsbericht vorgelegt. Es gibt kaum relevante Forschung zu einer anderen Landbewirtschaftung in Hinsicht auf die Emission von Kohlendioxid, Methan und Lachgas.

Die Folgerungen für die Motive der Bundesregierung sind mindestens zwei.

  1. Beim Verbot der Verbrennung fossiler Energien geht es nicht um die Vermeidung der Emission klimarelevanter Gase. Wäre Vermeidung das Ziel, so würden sich die Bundesregierungen auf die Reduktion der Emission aus den Böden konzentrieren.
  2. Die verschiedenen Bundesregierungen seit 1998 haben kein Interesse daran, die Klimagasemissionen aus Böden durch die Forschung zu und Einführung anderer Bewirtschaftungsmethoden in der Land- und Forstwirtschaft zu reduzieren.

Insgesamt gilt also hier: natur- und technikwissenschaftliche Forschung wird berücksichtigt nach Maßgabe der Ziele der Bundesregierung; wichtige Ergebnisse aus der Wissenschaft zur Emission klimarelevanter Spurengase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas werden nicht zur Kenntnis genommen und Wissenschaft in diesem Bereich auch nicht in angemessener Weise gefördert.

Am 16.07.2021 titelte die Wirtschaftswoche zu einer Pressekonferenz der Bundeskanzlerin in den USA, daß Merkel im Kampf gegen den Klimawandel „eine Volltransformation der Art des Wirtschaftens“ fordert. Das fordert ausgerechnet diejenige Politikerin, die in ihrer Regierungszeit mit der Förderung der Energie- und Rohstoff-intensiven Landwirtschaft einen hohen Anstieg der Emission klimarelevanter Spurengase aus landwirtschaftlichen Böden zu verantworten hat. Ein Anstieg, der vermutlich ein Mehrfaches an Kohlendioxid, Lachgas und Methan in die Atmosphäre zusätzlich abgibt, als durch den vollständigen Verzicht auf fossile Verbrennung in Zukunft hier einzusparen ist.

Literatur:

Gerke (2021), Agronomy, 11: 1079

Hayes et al. (2001), Soil Sci. 166, 723- 737.

Könnecke, G. (1967): Fruchtfolgen. Ostberlin

Klapp, E. (1967): Lehrbuch des Acker- und Pflanzenbaus. Berlin und Hamburg.

Oertel et al. (2016), Geochemistry (Chemie der Erde), 76, 327- 352.

Swift (2001), Soil Sci., 166, 858- 871.

Weber et al. (2018), J. Soils Sediments, 18, 2665- 2667.

Yang et al. (2021), Chem. Soc. Rev., 50, 6221- 6239.

 

 

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