Verbote, Irrwege und Ignoranz – nichts Neues in der Klimapolitik

Genau wie die Vorgänger-Regierung tut die neue SPD/Grüne/FDP-Bundesregierung wenig um die Emissionen klimarelevanter Spurengase zu reduzieren. Sie setzt auf Verbote von fossilen Brennstoffen und auf die Nutzung von Biomasse statt die Bedeutung des Bodens zu sehen und eine Veränderung der Landwirtschaft zu unterstützen.

Die jetzige Bundesregierung plant ein 200 Milliarden EUR umfassendes Paket zu verabschieden, das „Klimaschutz“ und „Energiewende“ voranbringen soll.

Klimaschutz kann übersetzt und operationalisiert werden durch Reduktion der Emission klimarelevanter Spurengase, wobei die Emission von Kohlendioxid (CO2),  Lachgas (N20) und Methan (CH4) am wichtigsten ist.

Für die folgenden Überlegungen sollen zwei Annahmen zugrunde gelegt werden:

Zum einen wird eine Position vorausgesetzt, die besagt, daß die Konzentrationen dieser drei Gase – zusammen mit einigen weniger bedeutenden Gasen in der Atmosphäre – das Erdklima bestimmen. Diese verbreitete – politische – Position ist nicht selbstverständlich. Es wird dabei nämlich unterstellt, daß die Variation der Intensität der Sonneneinstrahlung gegenüber der Veränderung der Konzentration dieser Gase wenig bedeutsam ist.

Zum anderen werden Prognosen auf Basis von Modellierungen herangezogen, die eine enge Beziehung zwischen der Konzentration klimarelevanter Spurengase in der Luft und der Temperaturentwicklung herstellen. Diese Modellierungen gehen von einer engen Korrelation zwischen beiden Parametern aus.

Diese beiden Annahmen vorausgesetzt, ergibt sich die drängende Notwendigkeit, vor allem die CO2-, N20- und CH4– Emissionen zu reduzieren.

Wird dies mit den Klimapaketen der jetzigen, aber auch der Vorgängerregierungen seit 1998 (SPD/Grüne unter Schröder) angegangen?

Ein vor kurzem veröffentlichter Artikel des Autors in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Soil Systems stellt dies grundlegend in Frage (Gerke, 2022). Dieser bodenchemische Artikel befasst sich mit der Emission von Treibhausgasen aus dem Boden (Gerke, 2022, Abschnitt 3.3). In dem Abschnitt wird die Grundlage für eine sinnvolle Diskussion zur Emission von Treibhausgasen gelegt. Was hat die Bodenwissenschaft mit Treibhausgasen zu tun? Kohlendioxid in der Atmosphäre, das bei weitem wichtigste Treibhausgas (rund 90%), steht mit anderen Kohlenstoff (C)-Pools der Natur in Konkurrenz und im Gleichgewicht. Der Boden ist ein C-Speicher, der fast ausschließlich organische C- Verbindungen enthält. Er umfasst weltweit einen Kohlenstoffvorrat von 2 bis mehr als 3 [kg C *1015] (Stevenson, 1994; Batjes, 2016). Damit enthält der Boden weltweit mehr Kohlenstoff als die Atmosphäre (in Form von CO2) und Vegetation zusammen (Weber et al., 2018). Der Kohlenstoff- Pool in den Böden ist weltweit der bei weitem größte Pool.

Der erhebliche Anstieg der CO2– Konzentration der Atmosphäre in den letzten zwei Jahrhunderten, der für die Erwärmung der Erde verantwortlich gemacht wird, wird aus zwei Quellen gespeist, nämlich aus der Verbrennung fossiler Energien wie Kohle, Erdöl und Erdgas, bei der C zu CO2 oxidiert wird und aus der Mineralisierung organischer Bodensubstanz zu CO2.

Die weltweiten CO2-Emissionen aus Böden liegen dabei um mehr als den Faktor 10 höher, als die bei der Verbrennung fossiler Energien anfallenden CO2-Mengen (Hayes und Clapp, 2001; Oertel et al., 2016). Aktuell, nach Berechnungen aus dem Jahr 2016 werden aus den Böden weltweit jährlich 350 [kg CO2* 1012]  freigesetzt, aus fossilen Energien 33,4 [kg CO2* 1012] (Oertel et al., 2016). Das aber bedeutet, daß die Politik sich zwar mit der Einschränkung fossiler Energieverbrennung befassen kann, aber sie müsste sich mit der Reduktion der Nettoemission von Treibhausgasen aus Böden befassen. Zentrales Ziel des Klimaschutzes müsste es also sein, die Speicherung von Kohlenstoff in der organischen Bodensubstanz von land- und forstwirtschaftlich genutzten Böden zu erhöhen.

In der internationalen Diskussion wurde das Kohlenstoff-Speichervermögen landwirtschaftlicher Böden schon zum Thema des Pariser Klimaabkommens von 2015/16. Die Pariser Konferenz postulierte ein 4 pro 1000 Ziel für die Landwirtschaft. Danach soll der jährliche Zuwachs an organischem Bodenkohlenstoff 4 pro Tausend, also 0,4 % des schon im Boden vorhandenen organisch gebundenen Kohlenstoffs betragen. Damit soll ein kompensatorischer Beitrag  zur Reduktion der CO2-Konzentration in der Atmosphäre geleistet werden. Die Fallstricke und die wissenschaftliche Fragwürdigkeit dieses Ansatzes werden ausführlich erläutert (Gerke, 2022, Abschnitt 3.3). Für mehr als 90% der Treibhausgasemissionen aus Böden werden im Umfeld der 4per 1000 Initiative wissenschaftlich fragwürdige Konzepte vorgestellt, denen zudem jeder politische Wille zur Umsetzung fehlt, für weniger als 10% der Emissionen aus fossiler Energie sind politische Entscheidungen mit rigorosen Verboten gefällt worden. Dieses irrationale Verhältnis zeigt, daß es nicht um Treibhausgase geht.

Mehr noch: Die industrielle Landwirtschaft mit der Trennung von Ackerbau und Tierhaltung, der Verdichtung von Böden durch überschwere Maschinen, mit dem hohen Einsatz mineralischer Stickstoffdünger, dem weitgehenden Verzicht auf Stallmist und Stallmistkompost sowie dem Verzicht auf mehrjährige Ackerfutterbaujahre ist der Vorreiter der Treibhausgasemission aus landwirtschaftlichen Böden. Die industrielle Landwirtschaft ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor der Treibhausgasemission (Gerke, 2022).

Die politischen Programme für Klimaschutz entpuppen sich, nicht nur in Deutschland, als Mogelpackung.

Es geht aber noch irrationaler!

Die durch die Regierung Schröder (SPD/Grüne, 1998- 2005) eingeleitete „Energiewende“ wurde im Wesentlichen von den Nachfolgeregierungen unter A. Merkel weitergeführt. Die Energiewende basiert auf den drei Säulen,Windkraft, Solarenergie und Energie aus Biomasse.

Die letzte dieser drei Säulen, die Stromerzeugung aus Biomasse wird seit mehr als 20 Jahren finanziell massiv gefördert, ebenso wie die politisch verfügte Zwangsbeimischung von Kraftstoffen aus Pflanzenölen.

Die dafür in Deutschland angebauten Energiepflanzen sind vor allem Mais und Raps. Der Umfang des Anbaus umfasst mittlerweile rund 20% der Ackerfläche. Dies ist so, obwohl Deutschland bei der Nahrungsmittelproduktion weit davon entfernt ist, autark zu sein. So müssen jährlich umgerechnet sieben Millionen Tonnen Sojaprodukte als Eiweißfuttermittel importiert werden. Die dafür in Deutschland notwendige Ackerfläche zum Anbau von Eiweißpflanzen entspricht ebenfalls etwas 20% der Ackerfläche. In Deutschland werden also 20% der Ackerfläche mit Energiepflanzen belegt, während die hier notwendigen Nahrungsmittel anderswo auf der Welt angebaut werden und importiert werden müssen.

Der vermeintlich umwelt- und klimafreundliche Anbau der Energiepflanzen Mais und Raps für erneuerbare Energien erfolgt weder nachhaltig noch klimafreundlich. Gerade Mais und Raps benötigen für ihr Wachstum eine hohe Versorgung mit dem Pflanzennährstoff Stickstoff (N). Die Herstellung der N- Dünger ist hoch energieintensiv. Das führt dazu, daß die Energiebilanz der Erzeugung dieser Pflanzen wenig positiv ist. Für eine Energieeinheit im Biogasstrom aus Mais muß fast derselbe Energieaufwand als Vorleistung erbracht werden, bei der Kultivierung des Mais, Ernte, Transport zur Biogasanlage, dem Betrieb der Anlage und der Umwandlung von Biogas in Strom. Abgeschwächt gilt Ähnliches für den Anbau und die Verwendung von Raps als Kraftstoffbeimischung.

Damit aber nicht genug! Der hohe N- Düngeraufwand hat aufgrund verschiedener chemischer, biochemischer und biologischer Prozesse im Boden auch erhebliche N- Verluste zur Folge. Der Stickstoff wird einerseits als Ammoniak in die Luft abgegeben und versauert die Böden dort, wo Ammoniak wieder eingetragen wird, er wird zum Teil als Lachgas entbunden, das bezüglich des Treibhauseffektes weit effizienter als Kohlendioxid ist und er wird als Nitrat ins Grundwasser ausgewaschen. Hochgedüngter Mais dürfte die wichtigste Quelle für Nitrat im Grundwasser sein. Und schließlich: Ein hohes Niveau an leicht löslichem Nitrat- Stickstoff im Boden reduziert die Methanbindung der Böden, führt als zu einer erhöhten Netto- Methanemission landwirtschaftlich genutzter Böden. All diese Fakten, die seit Jahrzehnten bekannt sind,  zeigen deutlich, daß die jetzige Weise des Energiepflanzenanbaus und der Verwertung zu einer Erhöhung der Treibhausgasemissionen führt und diese nicht vermindert. Es gäbe dazu sinnvolle, zurzeit kaum genutzte Alternativen wie den vermehrten Anbau von Zwischenfrüchten mit Leguminosen im Gemenge zur Energieerzeugung.

Die Lachgas- und Methanemissionen werden nochmals erhöht, wenn die landwirtschaftlichen Böden aufgrund zu schwerer Maschinen verdichtet sind.

Schlussfolgerung

Politische Konzepte zur Reduktion der Emissionen von Treibhausgasen müssen sich zentral auf die industrialisierte und spezialisierte Großflächenlandwirtschaft richten. Diese Art der Landbewirtschaftung ist ein Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen. Aber gerade die industrialisierte Landwirtschaft wird seit Jahrzehnten von den jeweiligen Bundesregierungen gefördert.

Literatur

Batjes, N.H. (2016): Harmonized soil property value for broad-scale modeling with estimates of global carbon stocks. Geoderma, 269, 61- 68.

Gerke, J. (2022): The central role of soil organic matter in soil fertility and carbon storage. Soil Syst. 6: 33.

Hayes, M.H.B.; Clapp, C.E. (2001): Humic substances: Considerations of composition, aspects of structure and environmental influences. Soil Sci., 166, 723- 737.

Oertel, G.; Matschullat, J.; Zimmermann, F.; Erasmi, S. (2016): Greenhouse gas emissions from soils- a review. Geoderma,  Geochemistry, 76, 327- 352.

Stevenson, F.J. (1994): Humus Chemistry. John Wiley, New York, USA.

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